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Notenbanken haben viel zu spät Zinssignale gesetzt

Geschrieben

Notenbanken haben viel zu spät Zinssignale gesetzt

Kolumne Grundlage für die zukünftige Inflation selbst gelegt

 

von Erwin Grandinger

 

Die Europäische Zentralbank (EZB) geht selbstverschuldet schwierigen Zeiten entgegen. Sie hat viel zu spät die Zinsen angehoben, um die Finanzmärkte zu dämpfen, und dreht nun weiter an der Zinsschraube, während Aktien und andere Vermögensklassen im freien Fall sind. Der deflationäre Trend, der vor über 20 Jahren begann, hat im Juni 2003 gedreht und unerhörten Wohlstand für westliche Verbraucher gebracht. Nicht zuletzt dank des Greenspan-Liquiditätsüberhangs (ab 1987) ging der Dow Jones von 875 Punkten in 1982 auf 11 722 Zähler im Jahr 2000. Verbraucher und Regierungen konnten sich bei fallenden Zinsleistungen immer höher verschulden. Die Zinstalsohle ist überschritten. Von nun an bewegen wir uns über mindestens eine Generation unaufhaltsam, aber wellenförmig wieder auf höhere Verbraucherpreise zu - eine Folge des gewaltigen Liquiditätsüberhangs. Und dies, obwohl die Globalisierung gleichzeitig inhärent deflationär ist (fallende Kosten für Konsumgüter aus Asien und China), während hierzulande Dienstleistungen immer teurer (Sozialnebenkosten und Steuern) und Rohstoff- wie Energiekosten weiter steigen werden.

 

Um die Deflationsgefahren zu bekämpfen, versorgten die führenden Zentralbanken seit langem die Finanzwelt mit exorbitanter Liquidität - und haben damit die Grundlage für eine zukünftige Inflation gelegt. Wenn Notenbanken nun von aufkeimenden "Inflationsgefahren" sprechen, ist das Humbug, denn genau diese Zentralbanken haben die Voraussetzung dafür geschaffen und nicht rechtzeitig gegengesteuert. Ein Blick auf die Geldmengendaten reicht völlig (die Fed hat die Veröffentlichung der M3-Zahlen im März nicht ohne Grund eingestellt). Doch schreckten die Zentralbanker all die Jahre davor zurück, die Partystimmung auf den Finanz- wie Immobilienmärkten zu vermiesen und bewußt eine massive Abkühlung herbeizuführen. Während der standhafte Fed-Chef Paul Volker in den späten siebziger Jahren noch massiv die Zinsen anheben konnte, ist dies in den USA auf absehbare Zeit politisch und ökonomisch selbstmörderisch, da diese heute die größte Schuldnernation weltweit sind . Eine globale, langanhaltende Rezession wäre unausweichlich. Als Deflationsexperte läßt sich Fed-Chef Ben Bernanke darauf nicht ein.

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Zusätzlich wird nun die fallende Geburtenrate bei steigenden Zinsen die deutsche Fiskalpolitik im Maastricht-Korsett dramatisch verschärfen. Zukünftig wird die rückläufige Zahl der Erwerbstätigen auch für stetig steigende Zinszahlungen und die Verschuldung in die Pflicht genommen. Dem Staat stehen zwei Wege offen, sich zu sanieren: höhere Steuern und/oder höhere Inflation. Beide Wege werden beschritten werden. Doch eine simple Erhöhung der Einkommensteuer reicht nicht. "Wohlstandssteuern" werden unausweichlich von der Politik zur Finanzierung herangezogen (Grundsteuer, Erbschaftsteuer, Versicherungsteuer, Umsatzsteuer als verdeckte Konsumsteuer und Energiesteuern), um Zahlungsverpflichtungen bei fallenden Geburtenraten weiterhin nachzukommen. Oder es werden Phantasieabgaben wie die Kfz-Maut eingeführt. All dies treibt weiter die Verbraucherpreise. Die EZB hinkt der Entwicklung hinterher. Sie hat zu spät angefangen, die Zinsen zu erhöhen, wird diese weiter anheben, und am Jahresende werden sie bei mindestens 3,25 Prozent stehen. Da aber im nächsten Mai in Frankreich Wahlen stattfinden, darf man gespannt sein, ob der EZB-Präsident Jean-Claude Trichet demnächst nicht doch eine Pause einlegen wird. Irgendwie läßt es sich immer rechtfertigen. Doch die Verbraucherpreise und Steuern werden weiter steigen. Dem Staat gefällt es, dem Bürger nicht. Er fällt in ein Vorsorgeloch.

 

Erwin Grandinger ist Politischer Analyst und Partner bei EPM Group, Berlin

 

 

Quelle: Die Welt

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