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Euronext/ NYSE - "US-Aufsichtsregeln sind kein Hindern

Geschrieben

Ex-SEC-Kommissar Goldsmid zur geplanten Börsenfusion und die Stabilität der Märkte

 

 

WELT: Die geplante Fusion zwischen Euronext und Nyse droht an der Frage der Regulierung zu scheitern. Viele europäische Konzerne fürchten, nach einem Zusammenschluß die strengen und vor allem teuren SEC-Regeln der US-Börse erfüllen zu müssen. Ist diese Sorge berechtigt?

 

Harvey Goldsmid: Nein. Dies ist aus meiner Sicht absolut kein Hindernis. Auch nach einer Hochzeit werden die jeweiligen lokalen Regulierungsbehörden über die Börsenplätze wachen; an der Nyse also die SEC und bei Euronext eine europäische Überwachungsstelle.

 

WELT: Europa muß also nicht befürchten, daß bei einer Börsenfusion quasi durch die Hintertür die strikteren US-Regeln eingeführt werden und es zu einer Überregulierung kommt?

 

Goldsmid: Keineswegs. Es ist außerdem ein Mythos, daß die US-Börsenregeln durch den 2002 in Kraft getretenen Sarbanes-Oxley-Act übertrieben hart geworden sind und den Unternehmen ein Übermaß an Bürokratie aufgebürdet wird. Es handelt sich bei Sarbanes-Oxley lediglich um eine Überarbeitung der schon länger geltenden Anlegerschutzgesetze. So muß ein Konzernlenker nun explizit mit seiner Unterschrift die Jahresbilanz abzeichnen. Allerdings war das Top-Management auch ohne dieses Signet früher schon verantwortlich dafür, daß die Abschlüsse stimmten.

 

WELT: Kein Mythos ist aber, daß immer mehr Konzerne die Überregulierung an der Wall Street kritisieren und der US-Börse den Rücken kehren.

 

Goldsmid: Ausländische Konzerne überschätzen die Auswirkungen von Sarbanes-Oxley. Gerade für sie haben wir gewisse Ausnahmen geschaffen. So tritt die bei den Kritikern umstrittene Überwachung der internen Unternehmensabläufe für nichtamerikanische Konzerne erst ab 2007 in Kraft. Und auch bei den US-Firmen sind die Bürokratiekosten längst nicht so hoch sind wie oft kolportiert wird. Nicht wenige Manager stellen inzwischen sogar fest, daß sich diese Form der Kontrolle sich auch wirtschaftlich lohnt.

 

WELT: Wie das?

 

Goldsmid: Das beste Beispiel ist General Electric. Der Mischkonzern hat im ersten Jahr nach der Gesetzesänderung 30 Millionen Dollar in interne Kontrollmaßnahmen investiert. Das Geld war gut angelegt. Denn auf diese Weise haben die Prüfer auch viele wirtschaftliche Ineffizienzen aufgespürt, die dann beseitigt werden konnten. Außerdem gibt es Lerneffekte, so daß das Unternehmen bereits im zweiten Jahr nur noch gut die Hälfte der ursprünglichen Kosten in Kauf nehmen müssen, um die Anlegerschutzauflagen zu erfüllen.

 

WELT: Trotzdem haben nur die wenigsten Unternehmen Lust auf die bürokratische Gängelung durch die SEC. Fürchten Sie nicht, daß langfristig viele Konzerne an weniger streng regulierte Börsenplätze streben werden?

 

Goldsmid: Da habe ich keine Angst. Kein Börsenplatz kann es mit der Liquidität und der Reife des US-Marktes aufnehmen.

 

WELT: Aber bereits jetzt nutzen beispielsweise chinesische Unternehmen für ihren Börsengang lieber Hongkong oder London, was langfristig zu einer Erosion der Wall Street als dominantem Marktplatz führen könnte.

 

Goldsmid: Es mag sein, daß Unternehmen für ihr Debüt erst einmal New York scheuen. Über kurz oder lang dürften diese Firmen aber an die Wall Street wechseln. Eine Notiz hier und die damit verbundene Anerkennung der SEC-Regeln wird sich zu einem Gütesiegel entwickeln. Anleger wissen dann, daß sie es mit erstklassigen Bilanzen zu tun haben.

 

WELT: Aber wie ist eine so strenge Überwachung vereinbar mit dem Ideal von freien Märkten?

 

Goldsmid: Wir brauchen einen umfassenden Anlegerschutz, um die Stabilität der Finanzmärkte zu gewährleisten. Hierzu braucht es tragfähige Spielregeln. Ohne Auflagen tendieren die Unternehmen dazu, nur die positiven Nachrichten zu veröffentlichen. Das würde langfristig dazu führen, daß die Anleger verunsichert werden und sich von den Märkten zurückziehen. Die Börsenskandale Enron oder Worldcom haben gezeigt, was passiert, wenn das Vertrauen in die Integrität der Märkte verlorengeht. Auf Dauer wäre dies das Aus für die Börse. Schlimmer noch: Die Dynamik der US-Wirtschaft stünde auf dem Spiel. Immerhin sind heute 60 Prozent der Amerikaner Aktionäre. Sie tragen durch ihre Anlagen maßgeblich dazu bei, daß sich die Firmen günstig finanzieren und damit investieren können.

 

WELT: Aber brauchen wir nicht angesichts globaler Märkte auch eine globale Regulierung?

 

Goldsmid: Die internationalen Aufsichtsbehörden arbeiten bereits sehr gut zusammen. Natürlich wäre ein transnationales Regelwerk wünschenswert. Allein, realistisch betrachtet, wird es eine globale Aufsicht aus einer Hand wohl auch in zehn Jahren nicht geben. Dafür sind die nationalen Befindlichkeiten nach wie vor zu groß.

 

Welt: Eine Anlegergruppe ist noch weitgehend unreguliert: die Hedge-Fonds-Industrie. Sehen Sie hier Risiken?

 

Goldsmid: Die Bedeutung dieses Sektors ist in den vergangenen Jahren immens gestiegen. Das Volumen der hier angelegten Gelder hat sich vervielfacht. Heute sind es zwischen 1,3 und zwei Billionen Dollar. Das birgt natürlich Risiken. Aus meiner Sicht wäre es falsch, ins Geschäftsmodell der Branche einzugreifen. Was wir aber brauchen, ist ein deutliches Plus an Transparenz. Die Aufsicht muß wissen, welche Wetten die Fonds eingehen, um die Risiken wenigstens einschätzen zu können.

 

 

Quelle: welt.de

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