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Hurra, wir dürfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht.

Geschrieben

Hurra, wir dürfen zahlen: Der Selbstbetrug der Mittelschicht

Ulrike Herrmann.

ISBN 978-3-938060-45-2 | 3. Auflage | März 2010

 

Ulrike Herrmann geboren 1964, ist Wirtschaftskorrespondentin der Tageszeitung taz. Sie ist ausgebildete Bankkauffrau, hat Geschichte und Philosophie studiert und ist ein typisches Mittelstandskind. Sie stammt aus einem Vorort von Hamburg, wo alle Bewohner an den gesellschaftlichen Aufstieg glaubten.

 

Rezension: Ulrike Herrmann: Hurra, wir dürfen zahlen

 

'Kleiner' Auszug:

Herrmann geht in weiteren Kapiteln dem Phänomen nach, warum sich die Mittelschicht so willig täuschen lasse. Als einen Grund nennt sie, dass die Nachkriegszeit und das Wirtschafswunder mental fortwirkten, die zu einem beispiellosen (relativen) Wohlstand in allen Schichten führten.

Im Vergleich zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wuchs das Volkseinkommen zwischen 1950 und 1989 13-mal so stark. Aus Arbeiter wurden Angestellte und selbst Arbeiter bekamen keine „Lohntüte“ mehr. 1978 sei es 63 % der Arbeiterkinder gelungen, die Schicht ihrer Eltern zu verlassen (84). Die „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ (Helmut Schelsky) habe die Selbstdeutung der Deutschen nachhaltig beeinflusst. Hierarchien oder der Klassenbegriff waren im Sprachgebrauch verschwunden und „Schichten“ wurden von „Milieus“ abgelöst. Teilhabe am Konsum sei maßgebend geworden. Dabei seien es nur verschiedene Arten gewesen, mit der eigenen Armut umzugehen – Armut sei Armut geblieben (86). Obwohl die sozialen Hierarchien in letzter Zeit wieder bewusster wahrgenommen würden, ordneten sich noch immer fast alle Bundesbürger der Mittelschicht zu.

 

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Dieses Buch macht wütend. Nicht aber nur auf die immer gleichen Zielgruppen der Vorstandsvorsitzenden, Kapitaleigner und Manager (auch, aber eben nicht nur), sondern primär auch auf einen selbst. Zumindest sehe ich darin eine der Hauptintentionen dieses Buches. Es soll den Leser wachrütteln, und genau das tut es. Man erkennt sich in fast allen Kapiteln auf irgendeine Art und Weise wieder, zumindest sofern man offen für solche Themen ist und über ein gewisses Maß an Selbstreflexion und -kritik verfügt.

 

Der im Titel angesprochene "Selbstbetrug der Mittelschicht" ist auch mir bisher nicht offensichtlich gewesen. Zu sehr lebt man halt doch in seiner eigenen "heilen Welt" und denkt nicht weit genug. Aber bei genauerem Betrachten der Aussagen von Ulrike Hermann wird einem klar, dass sie Recht hat. Frau Hermann liefert allerdings keine Schritt-für-Schritt-Anleitung "Wie stürzen wir die Oberschicht?". Von dieser Hoffnung sollte man sich frei machen. Was sie aber liefert, sind Denkanstöße und Sichtweisen die man bisher so vielleicht nicht gesehen hat. Und das kann am Ende vielleicht sogar effektiver sein als ein bloße Anleitung. Bevor unser System wirklich grundlegend reformiert werden kann, muss sich Hermanns Meinung nach "die Mittelschicht" einen und zwar nicht mit der "Oberschicht", wie sie das momentan tut, sondern "nach unten". Und genau dort setzt sie an.

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