London will weiter das wichtigste Finanzzentrum Europas bleiben. Kein Wunder also, dass sich der Finanzplatz gegen den Vormarsch der US-Börsenregulierung wehrt.
LONDON. Sehr viel zentraler als David Brewer kann man in London kaum wohnen – sehr viel schöner auch nicht. Die Kronleuchter in Brewers Domizil, dem Mansion House aus dem 18. Jahrhundert direkt gegenüber der Bank of England, seien die prachtvollsten in ganz London, schwärmt einer seiner Bediensteten – abgesehen von denen im Buckingham-Palast natürlich.
Der distinguierte Hausherr mit den buschigen Augenbrauen und dem grauen zurückgekämmten Haar bekleidet den Posten des „Right Honourable Lord Mayor of London“, ein Titel, dessen Tradition bis auf die Magna Charta aus dem Jahr 1215 zurückgeht. Das Amt hat nichts mit dem wirklichen Bürgermeister von London zu tun. Wie seine Vorgänger wurde Brewer für ein Jahr von den Zünften der City gewählt. Der Lord Mayor„regiert“ lediglich jene Quadratmeile im Zentrum der Hauptstadt in der sich soviel Finanzmacht ballt wie nirgends sonst in Europa.
Heute ist der Lord Mayor vor allem eine Art Chef–Lobbyist für die britische Finanzindustrie, und als solcher hat Brewer einiges zu tun, befindet sich die City doch derzeit im Belagerungszustand. Wie viele im Finanzviertel scheint der Lord Mayor vor allem eines zu fürchten: eine geschäftsschädigende Invasion der Amerikaner. Eine Invasion, die vor allem die gefürchteten US-Börsengesetze nach London bringen könnte. Alle Welt, so sieht es aus, will derzeit an die Pfründe des wichtigsten Finanzplatzes in Europa. Im Zentrum der Begehrlichkeiten steht die Londoner Börse (LSE). Zuerst versuchte sich die Deutsche Börse an einer Übernahme, dann die australische Bank Macquarie, dann streckten die Mehrländerbörse Euronext und die New York Stock Exchange (Nyse) ihre Fühler aus. Schließlich sicherte sich die US-Technologiebörse Nasdaq ein Paket von 25,1 Prozent.
Bislang hat LSE-Chefin Clara Furse die Unabhängigkeit der LSE geschickt verteidigt, doch die Angreifer lassen nicht locker. Erst vor wenigen Tagen warnte Nyse-Chef John Thain, auch nach der geplanten Fusion seiner Börse mit der Mehrländerbörse Euronext sei eine Übernahme der LSE eine Option. Alternativ drohen die New Yorker damit, eine eigene Börse an der Themse auf zu machen.
Brewer will sich von solchen Verbalattacken nicht bange machen lassen: Entscheidend sei nicht der juristische Sitz einer Börse, sondern der Standort der Händler-Bildschirme. Außerdem sei die Aktienbörse nur ein Teil dessen, was die City und ihre Anziehungskraft ausmache (siehe Kasten). Damit hat der Lord Mayor sicher recht. Dennoch bangt die City um die LSE. „Die Amerikaner sind mächtige Spieler“, warnt ein Investmentbanker. „In der Finanzindustrie verschieben sich Gravitationszentren sehr langsam, aber sie verschieben sich“. So wie in den 90er- Jahren, als die deutschen Banken den Handel mit dem Terminkontrakt auf zehnjährige Bundesanleihen von London nach Frankfurt zogen. Der britische Derivatemarkt Liffe verlor seinen Umsatzspitzenreiter und wurde einige Jahre später an die Mehrländerbörse Euronext verkauft. Die Frankfurter Terminbörse stieg dagegen zum weltweit wichtigsten Derivatemarkt auf. Die Abwanderung des Bund Futures gefährdete zwar nie die Vormachtstellung von London, aber sie schmerzte.
Das weiß Brewer. Und so sagt auch er jenen Satz, den man derzeit in der City so häufig hört: „Entscheidend ist die Regulierung.“ Denn eigentlich fürchten die Briten nicht so sehr den Verkauf der LSE an einen US-Konkurrenten als vielmehr die damit verbundene Gefahr, dass die strenge US-Börsenaufsicht bald auch an der Themse regiert.
Zehn Minuten zu Fuß von Brewers Amtssitz residiert die LSE am Paternoster Square. Der Gegensatz zum prächtigen Mansion House könnte kaum größer sein: Beton, Glas, Edelstahl, effiziente Nüchternheit statt opulenter Pracht. Hier hat auch Tracey Pierce ihr Büro. Die Managerin ist für die Geschäftsentwicklung der LSE verantwortlich. Entwickelt hat sich einiges an der Londoner Börse. 2005 verzeichnete sie fast 450 Börsengänge, mehr als die US-Konkurrenten Nyse und Nasdaq zusammen. Seit 2002 suchten fast tausend ausländische Unternehmen den Weg an die Londoner Börse.
Über die drohende Übernahme der LSE redet Pierce nicht gerne. Sie spricht lieber von den großen Umwälzungen, vor denen die Branche steht. Aber sie weiß, wo die Gründe für den Erfolg im lukrativen Geschäft mit Börsengängen liegen. „Wir haben den Herren Sarbanes und Oxley viel zu verdanken.“ Bei Sarbanes und Oxley handelt es sich um zwei US-Senatoren, deren Namen für die scharfen Börsengesetze in den USA stehen. 2002, nach den Skandalen um Enron und Worldcom verabschiedet, sollten die neuen Regeln für mehr Kontrolle und Transparenz sorgen. Doch die Gesetze greifen so tief in die Führung und Kontrollen der Unternehmen ein, dass die Klagen über horrende Kosten und enormen bürokratischen Aufwand immer lauter werden. Tatsächlich ist es die Angst vor „Sarbanes-Oxley“, die kleine internationale Firmen und riesige Unternehmen wie den russischen Ölkonzern Rosneft an die Londoner Börse statt an die Wall Street treibt.
Zuletzt versicherte zwar die britische Finanzaufsicht FSA, dass kurzfristig auch nach einer Übernahme der LSE die flexible britische Aufsicht weiter gelten könne. Doch die City hörte vor allem das „kurzfristig“. Die Warnung der FSA, dass eine Harmonisierung der Listing-Regeln nach einer Fusion langfristig Sarbanes-Oxley doch noch an die Themse bringen könnte, bestätigte die schlimmsten Befürchtungen.
Die Furcht vor der US-Aufsicht ist fast schon mit Händen zu greifen. Allein in der vergangenen Woche veröffentlichte das Zentralorgan des Finanzplatzes London, die „Financial Times“, zehn längere Artikel, die sich mit dem Thema US-Aufsicht und Börsenübernahmen beschäftigen.
Die Folgen einer Übernahme wären drastisch“, warnt ein Investmentbanker, „nicht nur für die Banken, sondern für die gesamte Infrastruktur in der City, von Anwaltskanzleien, über Wirtschaftsprüfer bis hin zu PR-Agenturen.“
Seit vergangenen Donnerstag können Lord Mayor Brewer und die anderen Verantwortlichen der City die Angst vor einer Übernahme der LSE sogar in Pfund und Penny messen. Für ihre erste Anleihe musste die LSE den Investoren eine deutlich höhere Rendite bieten als andere Unternehmen mit vergleichbarer Bonität – ein Risikoaufschlag für die Furcht vor „Sarbanes-Oxley“.
Anziehungskraft: London zieht als mit Abstand wichtigstes Finanzzentrum Europas Banken aus aller Welt an. Über 260 ausländische Geldhäuser mit 70 000 Mitarbeitern haben ihren Sitz an der Themse. Addiert kommen alle in Großbritannien ansässigen Banken auf eine Bilanzsumme von 5,5 Billionen Pfund. 54 Prozent davon entfallen auf ausländische Institute.
Stärken: Mit einem durchschnittlichen Handelsvolumen von 680 Milliarden Dollar täglich ist London der größte Devisenmarkt der Welt. Über 60 Prozent aller internationalen Anleihen werden hier platziert. Die Fonds mit Sitz in der City verwalten ein Vermögen von drei Billionen Pfund. London ist zudem das europäische Zentrum für die boomende Hedge-Fondsbranche. Dazu kommen die größten Börsen für Buntmetalle, Schiffsladungen und der Versicherungsmarkt Lloyd’s.
London will weiter das wichtigste Finanzzentrum Europas bleiben. Kein Wunder also, dass sich der Finanzplatz gegen den Vormarsch der US-Börsenregulierung wehrt.
LONDON. Sehr viel zentraler als David Brewer kann man in London kaum wohnen – sehr viel schöner auch nicht. Die Kronleuchter in Brewers Domizil, dem Mansion House aus dem 18. Jahrhundert direkt gegenüber der Bank of England, seien die prachtvollsten in ganz London, schwärmt einer seiner Bediensteten – abgesehen von denen im Buckingham-Palast natürlich.
Der distinguierte Hausherr mit den buschigen Augenbrauen und dem grauen zurückgekämmten Haar bekleidet den Posten des „Right Honourable Lord Mayor of London“, ein Titel, dessen Tradition bis auf die Magna Charta aus dem Jahr 1215 zurückgeht. Das Amt hat nichts mit dem wirklichen Bürgermeister von London zu tun. Wie seine Vorgänger wurde Brewer für ein Jahr von den Zünften der City gewählt. Der Lord Mayor„regiert“ lediglich jene Quadratmeile im Zentrum der Hauptstadt in der sich soviel Finanzmacht ballt wie nirgends sonst in Europa.
Heute ist der Lord Mayor vor allem eine Art Chef–Lobbyist für die britische Finanzindustrie, und als solcher hat Brewer einiges zu tun, befindet sich die City doch derzeit im Belagerungszustand. Wie viele im Finanzviertel scheint der Lord Mayor vor allem eines zu fürchten: eine geschäftsschädigende Invasion der Amerikaner. Eine Invasion, die vor allem die gefürchteten US-Börsengesetze nach London bringen könnte. Alle Welt, so sieht es aus, will derzeit an die Pfründe des wichtigsten Finanzplatzes in Europa. Im Zentrum der Begehrlichkeiten steht die Londoner Börse (LSE). Zuerst versuchte sich die Deutsche Börse an einer Übernahme, dann die australische Bank Macquarie, dann streckten die Mehrländerbörse Euronext und die New York Stock Exchange (Nyse) ihre Fühler aus. Schließlich sicherte sich die US-Technologiebörse Nasdaq ein Paket von 25,1 Prozent.
Bislang hat LSE-Chefin Clara Furse die Unabhängigkeit der LSE geschickt verteidigt, doch die Angreifer lassen nicht locker. Erst vor wenigen Tagen warnte Nyse-Chef John Thain, auch nach der geplanten Fusion seiner Börse mit der Mehrländerbörse Euronext sei eine Übernahme der LSE eine Option. Alternativ drohen die New Yorker damit, eine eigene Börse an der Themse auf zu machen.
Brewer will sich von solchen Verbalattacken nicht bange machen lassen: Entscheidend sei nicht der juristische Sitz einer Börse, sondern der Standort der Händler-Bildschirme. Außerdem sei die Aktienbörse nur ein Teil dessen, was die City und ihre Anziehungskraft ausmache (siehe Kasten). Damit hat der Lord Mayor sicher recht. Dennoch bangt die City um die LSE. „Die Amerikaner sind mächtige Spieler“, warnt ein Investmentbanker. „In der Finanzindustrie verschieben sich Gravitationszentren sehr langsam, aber sie verschieben sich“. So wie in den 90er- Jahren, als die deutschen Banken den Handel mit dem Terminkontrakt auf zehnjährige Bundesanleihen von London nach Frankfurt zogen. Der britische Derivatemarkt Liffe verlor seinen Umsatzspitzenreiter und wurde einige Jahre später an die Mehrländerbörse Euronext verkauft. Die Frankfurter Terminbörse stieg dagegen zum weltweit wichtigsten Derivatemarkt auf. Die Abwanderung des Bund Futures gefährdete zwar nie die Vormachtstellung von London, aber sie schmerzte.
Das weiß Brewer. Und so sagt auch er jenen Satz, den man derzeit in der City so häufig hört: „Entscheidend ist die Regulierung.“ Denn eigentlich fürchten die Briten nicht so sehr den Verkauf der LSE an einen US-Konkurrenten als vielmehr die damit verbundene Gefahr, dass die strenge US-Börsenaufsicht bald auch an der Themse regiert.
Zehn Minuten zu Fuß von Brewers Amtssitz residiert die LSE am Paternoster Square. Der Gegensatz zum prächtigen Mansion House könnte kaum größer sein: Beton, Glas, Edelstahl, effiziente Nüchternheit statt opulenter Pracht. Hier hat auch Tracey Pierce ihr Büro. Die Managerin ist für die Geschäftsentwicklung der LSE verantwortlich. Entwickelt hat sich einiges an der Londoner Börse. 2005 verzeichnete sie fast 450 Börsengänge, mehr als die US-Konkurrenten Nyse und Nasdaq zusammen. Seit 2002 suchten fast tausend ausländische Unternehmen den Weg an die Londoner Börse.
Über die drohende Übernahme der LSE redet Pierce nicht gerne. Sie spricht lieber von den großen Umwälzungen, vor denen die Branche steht. Aber sie weiß, wo die Gründe für den Erfolg im lukrativen Geschäft mit Börsengängen liegen. „Wir haben den Herren Sarbanes und Oxley viel zu verdanken.“ Bei Sarbanes und Oxley handelt es sich um zwei US-Senatoren, deren Namen für die scharfen Börsengesetze in den USA stehen. 2002, nach den Skandalen um Enron und Worldcom verabschiedet, sollten die neuen Regeln für mehr Kontrolle und Transparenz sorgen. Doch die Gesetze greifen so tief in die Führung und Kontrollen der Unternehmen ein, dass die Klagen über horrende Kosten und enormen bürokratischen Aufwand immer lauter werden. Tatsächlich ist es die Angst vor „Sarbanes-Oxley“, die kleine internationale Firmen und riesige Unternehmen wie den russischen Ölkonzern Rosneft an die Londoner Börse statt an die Wall Street treibt.
Zuletzt versicherte zwar die britische Finanzaufsicht FSA, dass kurzfristig auch nach einer Übernahme der LSE die flexible britische Aufsicht weiter gelten könne. Doch die City hörte vor allem das „kurzfristig“. Die Warnung der FSA, dass eine Harmonisierung der Listing-Regeln nach einer Fusion langfristig Sarbanes-Oxley doch noch an die Themse bringen könnte, bestätigte die schlimmsten Befürchtungen.
Die Furcht vor der US-Aufsicht ist fast schon mit Händen zu greifen. Allein in der vergangenen Woche veröffentlichte das Zentralorgan des Finanzplatzes London, die „Financial Times“, zehn längere Artikel, die sich mit dem Thema US-Aufsicht und Börsenübernahmen beschäftigen.
Die Folgen einer Übernahme wären drastisch“, warnt ein Investmentbanker, „nicht nur für die Banken, sondern für die gesamte Infrastruktur in der City, von Anwaltskanzleien, über Wirtschaftsprüfer bis hin zu PR-Agenturen.“
Seit vergangenen Donnerstag können Lord Mayor Brewer und die anderen Verantwortlichen der City die Angst vor einer Übernahme der LSE sogar in Pfund und Penny messen. Für ihre erste Anleihe musste die LSE den Investoren eine deutlich höhere Rendite bieten als andere Unternehmen mit vergleichbarer Bonität – ein Risikoaufschlag für die Furcht vor „Sarbanes-Oxley“.
Anziehungskraft: London zieht als mit Abstand wichtigstes Finanzzentrum Europas Banken aus aller Welt an. Über 260 ausländische Geldhäuser mit 70 000 Mitarbeitern haben ihren Sitz an der Themse. Addiert kommen alle in Großbritannien ansässigen Banken auf eine Bilanzsumme von 5,5 Billionen Pfund. 54 Prozent davon entfallen auf ausländische Institute.
Stärken: Mit einem durchschnittlichen Handelsvolumen von 680 Milliarden Dollar täglich ist London der größte Devisenmarkt der Welt. Über 60 Prozent aller internationalen Anleihen werden hier platziert. Die Fonds mit Sitz in der City verwalten ein Vermögen von drei Billionen Pfund. London ist zudem das europäische Zentrum für die boomende Hedge-Fondsbranche. Dazu kommen die größten Börsen für Buntmetalle, Schiffsladungen und der Versicherungsmarkt Lloyd’s.
Quelle: handelsblatt.com