Inflation: Warum es darauf ankommt, wo das Geld hinfließt
Ich kenne Axel (Dr.; MdB) seit vielen Jahren und halte seinen aktuellen Artikel hier mal fest.
13.7.09
Inflation: Warum es darauf ankommt, wo das Geld hinfließt
So freizügig wie Staat und Notenbank derzeit Geld an Banken und Unternehmen verteilen,
gibt es scheinbar gute Gründe, eine Geldentwertung zu befürchten. Muss nicht
der Euro an Wert verlieren und damit alles teurer werden – sprich Inflation um sich
greifen? Schließlich haben wir es mit einer steigenden Geldmenge zu tun, ohne dass
dieser ein entsprechendes Wirtschaftswachstum gegenübersteht. Müssen wir nicht in
den Chor der Inflationswarnungen von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück und
gängiger Pressemeinung einstimmen? – Doch wie kann es dann sein, dass scheinbar
allem zum Trotz die Inflation in der gegenwärtigen Krise auf Null gefallen ist?
Geldmenge und Inflation haben wenig miteinander zu tun
Seit Beginn der 80er Jahre sind Kredit und Geldvermögen stark gewachsen, während
die Realwirtschaft zum Teil sogar stagnierte. Dennoch sind die Inflationsraten in
Deutschland und international deutlich zurückgegangen. Warum hat diese spektakuläre
und spekulative Kreditausweitung der letzten Jahre keine galoppierende Inflation ausgelöst?
Die notwendige Voraussetzung für Inflation ist, dass das Geld in Nachfrage, also in den
privaten Konsum, die Staatsausgaben oder in private Investitionen, fließt: Steigt die
Güternachfrage, können Unternehmen ihre Preise erhöhen, um ihre Gewinne zu
steigern. Die Geldentwertung, mit anderen Worten Inflation, kommt in Gang.
Doch die Wirklichkeit sieht seit Langem ganz anders aus, weil die wachsende Geldmenge
nicht bei der Masse der Konsumentinnen und Konsumenten oder den
öffentlichen Haushalten ankommt. Dort – bei den Bezieherinnen und Beziehern
geringer und normaler Einkommen, bei den Empfängerinnen und Empfängern sozialer
Transferzahlungen oder auch bei Rentnerinnen und Rentnern – käme die Geldmehrung
tatsächlich dem Konsum und Absatz zu Gute. Banken könnten Ersparnisse weiterreichen,
um Unternehmen und deren Ausweitung von Produktionskapazitäten zu
finanzieren. Folgen wären eine erhöhte Produktion, die zusätzliche Einstellung von Beschäftigten und insgesamt ein höherer Wohlstand. In diesem Prozess wären auch
Preissteigerungen eine – in gewissem Maß völlig unbedenkliche – mögliche Begleiterscheinung.
Bleibt jedoch die Geldmenge überwiegend bei ohnehin gut Begüterten,
fließt sie kaum mehr in zusätzlichen Konsum. Vielmehr strömt der Überschuss als
Geldanlage in die Finanzmärkte. Dies führt keine Inflation herbei, sondern allenfalls
spekulative Blasen in der Finanzsphäre.
Anti-Inflations-Politik der Europäischen Zentralbank fördert die ungleiche Einkommensverteilung
Sobald in der Vergangenheit ein Wirtschaftsaufschwung die Löhne erreichte, die Nachfrage
lebhafter wurde und die Preise anzuziehen drohten, bremste früher die Deutsche
Bundesbank und jetzt die Europäische Zentralbank die Konjunktur mit höheren Zinsen.
Blähten sich jedoch die Finanzmärkte auf, ließen sie dem Treiben seinen Lauf. Diese
asymmetrische Geldpolitik trug erheblich dazu bei, Vermögende zu begünstigen, die
Finanzmärkte aufzublähen und Finanzkrisen zu fördern.
Jetzt, da die Finanzblase geplatzt ist, scheint vieles anders. Banken vergeben nur
wenig Kredite. Obwohl die Zentralbanken zuhauf und zu rekordniedrigen Zinsen Liquidität in Form von kurzfristigen Krediten an die Geschäftsbanken ausschütten, ist das
Geldvolumen nach Krisenausbruch zunächst geschrumpft. Auch mittlerweile wächst es
kaum. Verglichen mit der Geldausweitung vor der Krise ist die aktuelle Geldvermehrung
durch Zentralbanken harmlos. Sie ist gerade einmal ein Versuch, die heraufziehende
Kreditklemme abzufedern.
Der Kreislauf: Geldschöpfung und Wirtschaftswachstum durch Kredit
Kredite und niedrige Zinsen tragen, richtig eingesetzt, zu Wirtschaftswachstum bei. Sie
bringen Geld in den Wirtschaftskreislauf ein. Das läuft etwa folgendermaßen ab:
Eine Bank vergibt einen Kredit von zum Beispiel 50.000 Euro. Diese Summe schreibt sie
dem Kunden oder der Kundin auf dem Girokonto gut: In diesem Moment entsteht Buch-
oder Giralgeld. Die Kundin wird vielleicht ein Haus davon erwerben, so dass das Geld
auf dem Konto des Verkäufers landet. Dieser verfügt wiederum über die Summe usw.
Das geschöpfte Geld zirkuliert durch die Bankkonten, bis es etwa durch Tilgung des
Kredits den Kreislauf wieder verlässt.
Die Notenbank beeinflusst das Ausmaß der Kreditgewährung durch ihre Leitzinsen. Bei
niedrigen Zinsen (und expansiver Finanz- und Lohnpolitik) boomt das Kreditgeschäft
tendenziell, bei hohen schrumpft es. Wenn Notenbanken die Zinsen erhöhen, um die
Kreditvergabe und den Geldumlauf zu bremsen, bremsen sie somit auch das Wirtschaftswachstum.
Denn bei hohen Zinsen rechnen sich weniger Investitionsprojekte. Im
Ergebnis stellen Unternehmen weniger Beschäftigte ein oder entlassen mehr. Höhere
Zinsen wirken in Richtung Abschwung. Der Preis für den stabilen Geldwert sind
Niedrigwachstum, Massenarbeitslosigkeit und sinkende Reallöhne.
Vergleicht man die Kosten von Arbeitslosigkeit und Inflation, gilt: Die Kosten der
Arbeitslosigkeit übersteigen schnell die Kosten von Inflation.
Rechnerisch entspricht ein Prozent Inflation etwa 26 Milliarden Euro.
Voraussichtlich fünf Millionen Arbeitslose belasten die Volkswirtschaft hingegen – nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) – mit Kosten und Mindereinnahmen in Höhe von ca. 100 Milliarden Euro.
Zusätzlich fällt das Bruttoinlandsprodukt um knapp 120 Milliarden Euro geringer aus, wenn die Arbeit von fünf Millionen Menschen entfällt.
Die Hauptsorge: Erholung der Realwirtschaft
Als zusätzliche Kreditgeber, mehr noch aber Kreditnehmer treten neben den Notenbanken
die Staatshaushalte auf. Die Staatsverschuldung scheint in vielen Ländern zu
explodieren. Auch dies ruft den Gedanken an Geldentwertung hervor.
Doch Inflation ist auch hier nicht in Sicht: Das durch die staatliche Neuverschuldung
entstehende Geld kommt wiederum kaum bei jenen an, die es alltäglich konsumieren
würden. In den kommenden Jahren wird die steigende Staatsverschuldung in erster
Linie die ausfallenden Steuereinnahmen ausgleichen.
Gut wäre, wenn die Geldschöpfung jene erreichen würde, die sie dringend und gut gebrauchen könnten. Für die Realwirtschaft wäre es eine Erholung.
Obwohl Inflationsangst intuitiv nahe liegt, ist das Problem nicht eine drohende Geldentwertung, sondern die konjunkturelle und strukturelle Schwäche der Realwirtschaft.
Statt die Geldmenge knapp zu halten, muss sie vielmehr hochgefahren und vor allem in die richtigen Bahnen gelenkt werden. Außerdem braucht die deutsche Volkswirtschaft dringender denn je ein mittelfristig angelegtes Zukunftsinvestitionsprogramm und die Erhöhung der Hartz-IV-Sätze.
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