Geschrieben 3. September 200817 Jr. comment_37423 Drei Bemerkungen zur Fusion zwischen Commerzbank und Dresdner Bankvon Jörg Huffschmid, 2.September 2008 1. Wer hat hier eigentlich wen gekauft? Offiziell hat die Commerzbank die Dresdner Bank übernommen, und sie zahlt der Allianzdafür knapp 10 Mrd. Euro. In Wirklichkeit aber hat die Allianz die Commerzbank gekauft:Sie wird im ersten Schritt mit 18% größter und im zweiten Schritt mit knapp 30% mit großemAbstand noch größerer Aktionär der Commerzbank und dadurch in der Lage sein, diesesInstitut zu dominieren. Ein ziemliches Meisterstück in vier Teilen. Die Allianz wird erstenseine marode Bank los, die ihr immer wieder die Bilanz verhagelt hat. Sie erhält zweitens beherrschendenEinfluss auf eine sehr viel größere (und vielleicht effizientere) Bank - die sieaber nicht in ihrer Bilanz konsolidieren muss. Die Erklärung, dass diese Beteiligung als reineFinanzbeteiligung betrachtet werde, also keinen Einfluss auf die Unternehmensführung derneuen Commerzbank genommen werden soll, dient der Beruhigung des aktuellen Commerzbank-Managements, kann aber nicht ernst genommen werden. Der Grössaktionär wäre verrückt,wenn er die mit dieser Position verbundenen Einflussmöglichkeiten nicht zumindestmittelfristig kräftig nutzen würde. Drittens stärkt die Allianz ihr Investment-Geschäft durchdie Übernahme und Eingliederung der Cominvest. Viertens beendet sie zum einen das Kuddelmuddelder Allfinanzstrategie, die nie funktioniert hat, weitet zum anderen gleichzeitig ihrVertriebsnetz für Versicherungen aus und wird überdies in Kürze einen Konkurrenten aufdem deutschen Markt los, Wenn 2010 der Kooperationsvertrag zwischen Commerzbank undder italienischen GMB Generali ausläuft und die Commerzbank dann nur noch Allianz-Policen vertreibt. Chapeau, Mr. Diekmann. 2. Wer hat sonst noch Vorteile von der Fusion? Niemand.Die ArbeitnehmerInnen ohnehin nicht. Der engere Zweck der Fusion ist Kostensenkung durchArbeitsplatzabbau. Insgesamt werden 9.000, in Deutschland 6500 Stellen fortfallen, das sindinsgesamt gut 13%, in Deutschland gut 14% aller Stellen. Wie das ohne betriebsbedingteKündigungen geschehen soll (zumindest drei Jahre lang) ist einigermaßen rätselhaft. Ohnegroße Härten für die weiterhin Beschäftigten wird es jedenfalls nicht abgehen, und die 9500Arbeitsplätze sind auf jeden Fall weg.Aber auch die KundInnen der neuen Bank werden keine Vorteile, sondern nur Nachteile vonder Fusion haben. Insgesamt wird es weniger Bankfilialen, weniger KundenberaterInnen, alsoweniger Wahlmöglichkeiten geben. Der Konzentrationsgrad auf dem deutschen Bankenmarktnimmt zu, die Wettbewerbsintensität nimmt ab. Das wird zu einer schlechteren und teurerenVersorgung mit Bankdienstleistungen führen.Nicht einmal der Finanzplatz Deutschland wird gestärkt. Zum einen werden die beiden Bankenin den nächsten Jahren mit ihrer Integration beschäftigt sein und für eine Positionierungder neuen Großbank als relevanten global player weder Zeit noch Mittel haben. Ob die Integrationgelingt, ist keinesfalls sicher; es gibt jedenfalls mehr Beispiele für gescheiterte als fürerfolgreiche Großfusionen. Selbst bei gelingender Integration wäre die neue Commerzbankaber immer noch zu klein, um sich aus eigener Kraft im globalen Bankenmarkt durchzusetzen.Das gelingt sogar der Deutschen Bank nur sehr begrenzt, und die ist immer noch mehrals doppelt so groß wie die um die Dresdner Bank vergrößerte Commerzbank. 3. Hätte es Alternativen zu dieser Fusion gegeben? Sogar zwei.Die erste hätte darin bestanden, dass die Allianz der Dresdner Bank richtig unter die Armegegriffen und geholfen hätte, eine attraktive Bank auf dem deutschen Massenmarkt zu werden:durch den Ausbau der Dienstleistungen und Beratungstätigkeit, durch Personalaufbaustatt -abbau, bessere Konditionen etc. Das hätte die Allianz Geld gekostet, aber am Ende hättesich eine solche Politik sogar auch wirtschaftlich auszahlen können, jedenfalls eher als diePolitik des Verhungernlassens am ausgesteckten Arm. Diese Alternative ist zugegebenermaßensehr unrealistisch, weil sie ein geradezu heroisches Maß an Verantwortung und langfristigemstrategischen Denken erfordert hätte.Die zweite Alternative hätte darin bestanden, den chinesischen Bewerber, die China DevelopmentBank (CDB) zum Zuge kommen zu lassen. Der hätte nicht nur noch mehr gezahlt, erhätte auch weniger Arbeitsplätze gekostet, wäre für die KundInnen besser gewesen und hätteden Finanzplatz Deutschland gestärkt. Für die Arbeitnehmer wäre diese Lösung besser gewesen,weil die CDB nach der Übernahme der Dreba keine Doppelkapazitäten bei Zweigstellenund Beschäftigung zu bereinigen hätte, weil sie keine hat. Sie würde erstmals in den deutschenMarkt einsteigen und natürlich auf Expansion schalten. Die alte Filiale der DresdnerBank am Platz gegenüber der Commerzbank würde nicht geschlossen, sondern als Dresdner-CDB Bank weiterbestehen. Die KundInnen hätten mehr Wahlmöglichkeiten gehabt, derWettbewerb hätte zu- und der Monopolgrad abgenommen. Und der Finanzplatz Deutschlandwäre dadurch gestärkt worden, dass die Dreba-CDB über ihren Eigentümer aus dem Standexzellente internationale Verbindungen gehabt hätte. Die in vielen anderen Fällen berechtigteFurcht vor der Unkalkulierbarkeit ausländischer Investoren hätte hier keine Grundlage gehabt:Das Interesse der CDB bestand im Einstieg in den deutschen Massenmarkt und in der Schaffungeines Ausgangspunktes für weitere Expansionen in Europa. Verlagerungsgefahr bestand– anders als dies oft beim Einstieg in Technologiefirmen der Fall ist – in diesem Fall nicht,denn es ging der CDB um Fußfassen. Insofern hat die Allianz – die natürlich an der Commerzbank-Lösung ein massives Interesse hatte – erfolgreich auf dem Klavier einer dumpfenund rational nicht begründbaren Ausländerfurcht in der Öffentlichkeit und bei den Beteiligtengespielt. Melden
Geschrieben 3. September 200817 Jr. comment_37429 Sehr interessante Meinungen. Vielen Dank für den Beitrag. Melden
Drei Bemerkungen zur Fusion zwischen Commerzbank und Dresdner Bank
von Jörg Huffschmid, 2.September 2008
1. Wer hat hier eigentlich wen gekauft?
Offiziell hat die Commerzbank die Dresdner Bank übernommen, und sie zahlt der Allianz
dafür knapp 10 Mrd. Euro. In Wirklichkeit aber hat die Allianz die Commerzbank gekauft:
Sie wird im ersten Schritt mit 18% größter und im zweiten Schritt mit knapp 30% mit großem
Abstand noch größerer Aktionär der Commerzbank und dadurch in der Lage sein, dieses
Institut zu dominieren. Ein ziemliches Meisterstück in vier Teilen. Die Allianz wird erstens
eine marode Bank los, die ihr immer wieder die Bilanz verhagelt hat. Sie erhält zweitens beherrschenden
Einfluss auf eine sehr viel größere (und vielleicht effizientere) Bank - die sie
aber nicht in ihrer Bilanz konsolidieren muss. Die Erklärung, dass diese Beteiligung als reine
Finanzbeteiligung betrachtet werde, also keinen Einfluss auf die Unternehmensführung der
neuen Commerzbank genommen werden soll, dient der Beruhigung des aktuellen Commerzbank-
Managements, kann aber nicht ernst genommen werden. Der Grössaktionär wäre verrückt,
wenn er die mit dieser Position verbundenen Einflussmöglichkeiten nicht zumindest
mittelfristig kräftig nutzen würde. Drittens stärkt die Allianz ihr Investment-Geschäft durch
die Übernahme und Eingliederung der Cominvest. Viertens beendet sie zum einen das Kuddelmuddel
der Allfinanzstrategie, die nie funktioniert hat, weitet zum anderen gleichzeitig ihr
Vertriebsnetz für Versicherungen aus und wird überdies in Kürze einen Konkurrenten auf
dem deutschen Markt los, Wenn 2010 der Kooperationsvertrag zwischen Commerzbank und
der italienischen GMB Generali ausläuft und die Commerzbank dann nur noch Allianz-
Policen vertreibt. Chapeau, Mr. Diekmann.
2. Wer hat sonst noch Vorteile von der Fusion?
Niemand.
Die ArbeitnehmerInnen ohnehin nicht. Der engere Zweck der Fusion ist Kostensenkung durch
Arbeitsplatzabbau. Insgesamt werden 9.000, in Deutschland 6500 Stellen fortfallen, das sind
insgesamt gut 13%, in Deutschland gut 14% aller Stellen. Wie das ohne betriebsbedingte
Kündigungen geschehen soll (zumindest drei Jahre lang) ist einigermaßen rätselhaft. Ohne
große Härten für die weiterhin Beschäftigten wird es jedenfalls nicht abgehen, und die 9500
Arbeitsplätze sind auf jeden Fall weg.
Aber auch die KundInnen der neuen Bank werden keine Vorteile, sondern nur Nachteile von
der Fusion haben. Insgesamt wird es weniger Bankfilialen, weniger KundenberaterInnen, also
weniger Wahlmöglichkeiten geben. Der Konzentrationsgrad auf dem deutschen Bankenmarkt
nimmt zu, die Wettbewerbsintensität nimmt ab. Das wird zu einer schlechteren und teureren
Versorgung mit Bankdienstleistungen führen.
Nicht einmal der Finanzplatz Deutschland wird gestärkt. Zum einen werden die beiden Banken
in den nächsten Jahren mit ihrer Integration beschäftigt sein und für eine Positionierung
der neuen Großbank als relevanten global player weder Zeit noch Mittel haben. Ob die Integration
gelingt, ist keinesfalls sicher; es gibt jedenfalls mehr Beispiele für gescheiterte als für
erfolgreiche Großfusionen. Selbst bei gelingender Integration wäre die neue Commerzbank
aber immer noch zu klein, um sich aus eigener Kraft im globalen Bankenmarkt durchzusetzen.
Das gelingt sogar der Deutschen Bank nur sehr begrenzt, und die ist immer noch mehr
als doppelt so groß wie die um die Dresdner Bank vergrößerte Commerzbank.
3. Hätte es Alternativen zu dieser Fusion gegeben?
Sogar zwei.
Die erste hätte darin bestanden, dass die Allianz der Dresdner Bank richtig unter die Arme
gegriffen und geholfen hätte, eine attraktive Bank auf dem deutschen Massenmarkt zu werden:
durch den Ausbau der Dienstleistungen und Beratungstätigkeit, durch Personalaufbau
statt -abbau, bessere Konditionen etc. Das hätte die Allianz Geld gekostet, aber am Ende hätte
sich eine solche Politik sogar auch wirtschaftlich auszahlen können, jedenfalls eher als die
Politik des Verhungernlassens am ausgesteckten Arm. Diese Alternative ist zugegebenermaßen
sehr unrealistisch, weil sie ein geradezu heroisches Maß an Verantwortung und langfristigem
strategischen Denken erfordert hätte.
Die zweite Alternative hätte darin bestanden, den chinesischen Bewerber, die China Development
Bank (CDB) zum Zuge kommen zu lassen. Der hätte nicht nur noch mehr gezahlt, er
hätte auch weniger Arbeitsplätze gekostet, wäre für die KundInnen besser gewesen und hätte
den Finanzplatz Deutschland gestärkt. Für die Arbeitnehmer wäre diese Lösung besser gewesen,
weil die CDB nach der Übernahme der Dreba keine Doppelkapazitäten bei Zweigstellen
und Beschäftigung zu bereinigen hätte, weil sie keine hat. Sie würde erstmals in den deutschen
Markt einsteigen und natürlich auf Expansion schalten. Die alte Filiale der Dresdner
Bank am Platz gegenüber der Commerzbank würde nicht geschlossen, sondern als Dresdner-
CDB Bank weiterbestehen. Die KundInnen hätten mehr Wahlmöglichkeiten gehabt, der
Wettbewerb hätte zu- und der Monopolgrad abgenommen. Und der Finanzplatz Deutschland
wäre dadurch gestärkt worden, dass die Dreba-CDB über ihren Eigentümer aus dem Stand
exzellente internationale Verbindungen gehabt hätte. Die in vielen anderen Fällen berechtigte
Furcht vor der Unkalkulierbarkeit ausländischer Investoren hätte hier keine Grundlage gehabt:
Das Interesse der CDB bestand im Einstieg in den deutschen Massenmarkt und in der Schaffung
eines Ausgangspunktes für weitere Expansionen in Europa. Verlagerungsgefahr bestand
– anders als dies oft beim Einstieg in Technologiefirmen der Fall ist – in diesem Fall nicht,
denn es ging der CDB um Fußfassen. Insofern hat die Allianz – die natürlich an der Commerzbank-
Lösung ein massives Interesse hatte – erfolgreich auf dem Klavier einer dumpfen
und rational nicht begründbaren Ausländerfurcht in der Öffentlichkeit und bei den Beteiligten
gespielt.